Blutwerte
Blutbild beim Hund verstehen: den Laborbefund Zeile für Zeile lesen
Der Unterschied zwischen Blutbild und Blutchemie, warum Referenzbereiche je Labor abweichen und in welcher Reihenfolge Sie einen Befund sinnvoll lesen.
Die zwei Teile eines Befundes
Auf fast jedem Befund stehen zwei Blöcke, die aus unterschiedlichen Röhrchen kommen und Unterschiedliches messen.
Das Blutbild, oft Hämatologie genannt, zählt Zellen: rote Blutkörperchen und ihren Anteil am Blutvolumen, den Hämatokrit, dazu Hämoglobin, die weißen Blutkörperchen mit ihren Untergruppen und die Thrombozyten. Es kommt aus einem Röhrchen mit Gerinnungshemmer und beantwortet Fragen wie: Ist zu wenig Sauerstoffträger da, läuft eine Entzündung, ist die Blutstillung in Gefahr.
Die Blutchemie, oft Klinische Chemie oder Organprofil genannt, misst Stoffe im Serum: Kreatinin, Harnstoff und SDMA für die Niere, ALT und alkalische Phosphatase für Leber und Gallenwege, Gesamteiweiß und Albumin, Glukose, Kalzium, Kalium, Phosphat und weitere. Sie kommt aus einem Röhrchen ohne Gerinnungshemmer und beantwortet Fragen nach Organleistung und Stoffwechsel.
Dazu gehört in vielen Fällen ein dritter Teil, der gern vergessen wird: der Urin. Das spezifische Gewicht und das Eiweiß im Urin liefern Informationen, die im Blut nicht stehen. Ein Befund ohne Urin ist bei Fragen zur Niere nur halb gelesen.
Warum der Referenzbereich zum Labor gehört
Der gedruckte Bereich entsteht so: Ein Labor misst eine Gruppe gesunder Tiere und nimmt den mittleren Teil der Ergebnisse als Bereich, üblicherweise die mittleren 95 Prozent. Daraus folgen zwei Dinge, die fast alle Missverständnisse erklären.
Erstens gehört der Bereich zum Messgerät, zum Verfahren und zur Vergleichsgruppe dieses Labors. Eine andere Praxis mit einem anderen Gerät druckt andere Grenzen, und die Einheiten können abweichen, etwa µmol/l gegenüber mg/dl beim Kreatinin. Ein Wert ist deshalb nur mit dem Bereich auf demselben Blatt zu vergleichen, und ein Verlauf nur dann belastbar, wenn beide Messungen aus demselben Labor kommen.
Zweitens liegt pro Wert etwa jedes zwanzigste gesunde Tier außerhalb des Bereichs, ohne krank zu sein. Wer zwanzig Zeilen messen lässt, hat also gute Chancen auf mindestens eine Markierung bei einem gesunden Hund. Eine einzelne knappe Abweichung ist deshalb ein Anlass nachzudenken, nicht ein Befund.
Dazu kommen Einflüsse, die nichts mit Krankheit zu tun haben: Alter, ein Welpe hat andere Werte als ein alter Hund, Rasse, Trainingszustand, Aufregung bei der Entnahme, ein Futter kurz vorher, der Zeitpunkt am Tag, und die Behandlung der Probe auf dem Weg ins Labor.
Was eine Markierung wirklich sagt
| Was auf dem Befund steht | Was es bedeutet |
|---|---|
| Pfeil nach oben, H, oder hervorgehobene Zahl | Der Wert liegt über dem gedruckten Bereich. Keine Bewertung, nur eine Lage. |
| Pfeil nach unten, L | Der Wert liegt unter dem gedruckten Bereich. |
| Wert knapp außerhalb | Häufig ohne Bedeutung. Ausmaß, Nachbarzeilen und Verlauf entscheiden. |
| Wert um ein Mehrfaches außerhalb | Verlangt eine Erklärung, auch bei einem Hund, der gut aussieht. |
| Hinweis Lipämie, Hämolyse oder ikterisches Serum | Die Probe selbst stört die Messung. Einzelne Zeilen können dadurch verschoben sein. |
| Kommentar zur Probenmenge oder zu Gerinnselbildung | Das Ergebnis ist für diese Zeile mit Vorbehalt zu lesen. |
In welcher Reihenfolge Sie lesen
- Den Kopf des Befundes. Tierart, Name, Alter, Datum und Zeitpunkt der Entnahme, Material, Labor. Das verhindert die häufigsten Verwechslungen, etwa Referenzbereiche für die falsche Tierart.
- Die Bedingungen. Nüchtern oder nicht, Aufregung, Infusion vorher, laufende Medikamente, Hinweise auf Lipämie oder Hämolyse. Diese Angaben entscheiden, wie streng einzelne Zeilen zu nehmen sind.
- Gruppen statt Zeilen. Lesen Sie blockweise: Niere zusammen mit dem Urin, Leber und Gallenwege zusammen, Eiweiß mit Albumin, Elektrolyte zusammen, das Blutbild als Ganzes. Zwei Zeilen derselben Gruppe, die in dieselbe Richtung zeigen, sagen mehr als fünf einzelne Markierungen aus fünf Gruppen.
- Das Ausmaß. Nicht nur ob, sondern wie weit außerhalb. Ein Wert um ein Vielfaches über dem Bereich hat eine andere Bedeutung als einer, der eine Stelle hinter dem Komma daneben liegt.
- Den Verlauf. Der alte Befund ist oft wertvoller als der neue. Eine stabile Abweichung über zwei Jahre ist eine andere Lage als dieselbe Zahl, die in drei Monaten neu entstanden ist.
- Was fehlt. Welche Frage sollte dieser Befund beantworten, und ist die dafür nötige Zeile überhaupt enthalten? Beim Thema Niere fehlt häufig das spezifische Gewicht des Urins, beim Thema Leber häufig ein Bildgebungstermin.
Zeile für Zeile mit dem Decoder
Wenn Sie den Befund vor sich haben, können Sie ihn mit dem Decoder durchgehen. Sie legen das Blatt ab oder fügen die Werte ein, und bekommen für jede erkannte Zeile erklärt, was sie misst, was die Praxis abklärt, wenn sie den Bereich verlässt, und welche Fragen dazu passen. Der Befund wird dabei im Browser gelesen und nicht an einen Server übertragen, und am Ende steht eine Liste mit Fragen, die Sie ausdrucken und zum Termin mitnehmen können.
Drei Fehler, die sich leicht vermeiden lassen
Werte zweier Labore direkt nebeneinanderlegen, ohne auf Bereich und Einheit zu schauen: Das erzeugt Verschlechterungen und Verbesserungen, die es nicht gibt. Aus einer einzelnen Markierung eine Krankheit ableiten und danach im Netz suchen: Das führt fast immer zum schwersten denkbaren Eintrag und selten zum wahrscheinlichsten. Und einen unauffälligen Befund als Entwarnung lesen, obwohl das Tier Anzeichen zeigt: Ein Blutbild erfasst vieles nicht, darunter Schmerz, Fremdkörper, die meisten Tumoren in ihrem Anfang und einen großen Teil der Erkrankungen von Herz und Darm.
Wann Sie nicht auf einen Befund warten
Ein Laborbefund ist nie ein Grund zu warten. Bringen Sie Ihren Hund sofort in eine Praxis oder Klinik bei: harter oder aufgeblähter Bauch, erfolglosen Versuchen zu erbrechen, Atemnot, blassem oder bläulichem Zahnfleisch, Kollaps, Krampfanfall, anhaltendem Blut in Erbrochenem, Kot oder Urin, ausbleibendem Harnabsatz über mehr als einen Tag, Verdacht auf Giftaufnahme oder auf einen verschluckten Gegenstand.
Gleiches gilt für einen Welpen, der matt ist, nicht frisst oder erbricht: Kleine Hunde geraten schnell in eine Unterzuckerung und Austrocknung.
Heilkunde am Tier ist approbierten Tierärztinnen und Tierärzten vorbehalten (Bundes-Tierärzteordnung), die Aufsicht liegt bei den Landestierärztekammern. Dieser Beitrag erklärt Zeilen und bereitet Fragen vor, er stellt keine Diagnose.
Die Fragen für Ihren Termin
- Welche Zeilen liegen außerhalb des Bereichs, und wie weit?
- Welche dieser Abweichungen gehören zusammen, und welche stehen für sich?
- Lässt sich eine davon durch die Bedingungen der Entnahme erklären, etwa durch Futter, Aufregung oder eine Infusion vorher?
- Welche Zeile fehlt für die Frage, um die es geht, und kann sie aus derselben Probe nachgefordert werden?
- Wann wird nachkontrolliert, und können wir beim gleichen Labor bleiben?
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen kleinem und großem Blutbild?
Im Sprachgebrauch der Praxen meint ein kleines Blutbild die Zählung der Blutzellen mit den wichtigsten Grundwerten, ein großes Blutbild ein breiteres Profil mit Organwerten aus der Blutchemie und oft einem Differenzialblutbild. Die Begriffe sind nicht genormt, deshalb lohnt die Frage, welche Parameter konkret enthalten sind.
Ein Wert ist leicht erhöht. Ist mein Hund krank?
Nicht zwangsläufig. Ein Referenzbereich deckt die Mitte einer gesunden Vergleichsgruppe ab, rund jedes zwanzigste gesunde Tier liegt pro Wert außerhalb. Wer zwanzig Zeilen messen lässt, bekommt deshalb häufig eine Markierung, ohne dass etwas vorliegt. Aussagekraft bekommt eine Abweichung durch ihr Ausmaß, durch die Nachbarzeilen und durch den Verlauf.
Muss mein Hund für das Blutbild nüchtern sein?
Für Glukose und Blutfette ja, üblich sind etwa zwölf Stunden ohne Futter bei frei verfügbarem Wasser. Fett im Blut macht die Probe milchig und stört die Messung mehrerer Zeilen, der Befund vermerkt das dann als Lipämie. Fragen Sie bei der Terminvergabe nach der Vorgabe für das angeforderte Profil.
Warum weichen die Referenzbereiche von Labor zu Labor ab?
Weil jedes Labor eigene Messgeräte, Messverfahren und Vergleichsgruppen verwendet, und weil die Einheiten abweichen können. Deshalb ist ein Wert nur innerhalb seines eigenen Befundes zu beurteilen, und ein Verlauf nur dann sauber zu lesen, wenn die Messungen aus demselben Labor stammen.
Was bedeuten die Pfeile und Buchstaben neben den Zahlen?
Sie markieren automatisch, dass ein Wert oberhalb oder unterhalb des gedruckten Bereichs liegt, meist als Pfeil, als H und L oder als Sternchen. Die Markierung stammt vom Gerät und bewertet nichts. Sie sagt nur: Diese Zeile liegt außerhalb des Bereichs.
Dieser Beitrag erklärt und ordnet ein. Er ist keine Diagnose und ersetzt keinen Tierarztbesuch. Er erscheint in einer vorläufigen Fassung und wird gezeichnet, sobald eine Tierärztin oder ein Tierarzt ihn freigegeben hat.
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